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6. Dezember 2011

Weekend

Hoffnungslos verliebt am Wochenende (Quelle: cinematerial.com)
Und hier noch eine große Empfehlung für Weekend, obwohl der Film leider bisher kaum in Deutschland zu sehen ist. Aber vielleicht erwischt ihr ihn ja noch auf dem einen oder anderen Festival - oder notfalls auch auf DVD. Der Low Budget-Film von Andrew Haigh ist eine große Entdeckung: die einfache Geschichte zweier junger Männer, die sich an einem Wochenende im tristen Nottingham kennenlernen - und dabei einander (und dem Zuschauer) erstaunlich nah kommen. Der Film entfaltet eine ganz spezielle Magie des Unmittelbaren und Authentischen, die möglicherweise aus dem Zusammenwirken eines sehr präzisen Scripts, großartiger Darsteller und einer wunderbaren Kamera entsteht. Aber ganz genau festmachen kann man es gar nicht, warum gerade dieser Film so pur und beglückend wirkt. Irgendwie schafft er es, das bittersüße Gefühl des sich-hoffnungslos-Verliebens von den Figuren direkt auf den Zuschauer zu übertragen. Wegen meiner momentanen Verblendung sei daher auf die schöne Rezension von Daniel Sander verwiesen: http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,792792,00.html

23. November 2011

Kurzkritiken: Cheyenne, A Dangerous Method, Fenster zum Sommer, Tintin, Contagion, Melancholia


Cheyenne - This must be the Place
Erstaunlich, dass ein Film mit einer so sperrig-verrätselten Geschichte derartig groß und aufwendig produziert wird. Trotz der Unzugänglichkeit der Handlung gibt es viele schöne Momente und Bilder, eine grandiose Talking-Heads-Performance und Penns phlegmatisch hingenuschelte Dialoge, die den Kinobesuch lohnen. Gerade die letzte Szene bleibt jedoch äußerst befremdlich: Will der Film uns im Ernst weismachen, dass Cheyenne, den wir im Laufe des Films als Freak lieb gewonnen haben, endlich erwachsen wird, indem er Gothic-Mob und Grusel-Make-up ablegt - und plötzlich aussieht wie Sean Penn?

A Dangerous Method
Im überheizten vollen Kino befiel mich starke Müdigkeit. Hinzu kam, dass es sich leider um keinen echten Cronenberg mit belebenden Schock- und Ekelmomenten handelte: A Dangerous Method ist die eher biedere Verfilmung eines Theaterstücks mit langen, zähen Dialogen. Allerdings wartet er mit tollen Schauspielern auf: dem derzeit omnipräsenten Michael Fassbender als Jung und Viggo Mortensen als Freud.
Keira Knightley agiert als hysterische Patientin knapp an der Schmerzgrenze. Trotzdem bin ich zweimal eingenickt. Aber es heißt ja, dass man nur dann gut schlafen kann, wenn man dem Film vertraut.

Fenster zum Sommer
Die deutsche Produktion erzählt die geheimnisvolle Geschichte einer Frau (Nina Hoss), die eine sonnendurchflutete Sommerromanze in Finnland erlebt - und plötzlich ein halbes Jahr früher im tristen Berliner Winter aufwacht. Nun muss sie alles daran setzen, ihren Traum vom Sommerglück doch noch wahr werden zu lassen. Von der Grundprämisse aus könnte das durchaus spannend und originell sein, der Film verzettelt sich aber zu sehr im schicksalshaft-Unentrinnbaren und dem Klischee, dass es im Leben eben doch nur den einen Richtigen geben kann. So wird dem pedantischen Gewohnheits-Ehemann (Lars Eidinger) ein charismatischer, feinsinniger Traumpartner (Mark Waschke) gegenüber gestellt - und jeder echte Konflikt vermieden.  Ein Mystery-Thriller für Brigitte-Leserinnen - mit, zugegeben, sehr schönen Bildern.

The Adventures of Tintin: The Secret of the Unicorn
Ja, ich gebe es zu: Schon als kindlicher Tim und Struppi-Leser hatte ich eine Schwäche für Kapitän Haddock. Und auch in Spielbergs neuem aufwendig animiertem Film ist der fluchende, alkoholabhängige Seemann bei weitem die anrührendste Figur. Ansonsten ist die Verfilmung zu sehr reines Action-Spektakel, um dem harmlos-nostalgischen Charme der Vorlage gerecht zu werden. Allerdings gibt es eine wirklich grandiose Szene, in der Bianca Castafiore vor atemberaubender Wüstenkulisse die Glaswände des "Einhorn"–Tresors zersingt. Da spürt man die Handschrift des Altmeisters Spielberg.

Contagion
Soderberghs realistisch anmutender Ensemble-Film über die Ausbreitung einer Massenepidemie ist solide geraten und leidlich spannend. Manchmal beschleicht einen  das Gefühl, eine Dokumentation zu dem Thema wäre interessanter gewesen. Allerdings ist Contagion ein wahres Fest für Gwyneth-Paltrow-Hasser! Bleich, verquollen und rotnasig quält sie sich herum, bevor sie bereits nach fünf Minuten als erstes Opfer der Killer-Infektion sterben muss. Später gibt es dann noch eine hübsche Rückblende: Fröhlich lächelnd schüttelt sie einem schmuddeligen, chinesischen Koch, der gerade ein verseuchtes Schwein ausgenommen hat, die infektiöse Hand. So wird sie zur Patientin Zero, die dank ihrer ehebrecherischen Aktivitäten die halbe Welt mit einem tödlichen Virus ansteckt. Glückwunsch zur undankbarsten Rolle des Jahres!

Melancholia
Fast hätte ich vergessen, ihn zu erwähnen: Melancholia ist, wie fast alle Filme von Lars von Trier, natürlich großartig, intensiv und einzigartig. Von Trier ist vielleicht der letzte große Autorenfilmer Europas und Melancholia hat die Aufmerksamkeit, die ihm durch die von den Medien hysterisch hochgespielten Nazi-Bemerkungen des Regisseurs zuteil wurde, auf jeden Fall verdient. Ausgeklügelte, albtraumhafte Bildkompostionen, Kirsten Dunsts intensive Studie einer Frau, die an ihrem Hochzeitstag zwischen überschwänglichem Glück und tiefster Depression schwankt - um dann im apokalyptischen Nahen des Melancholia-Planeten ihre Ruhe zu finden. Den Film sollte man sich auf jeden Fall im Kino ansehen - und nicht etwa als Raubkopie auf dem Handy oder dergleichen. An dieser Stelle sei auch noch mal auf von Triers noch interessanteren Film Antichrist hingewiesen, der seinerzeit zu Unrecht im Kino etwas unterging. Es gab wohl noch nie einen Film, der sich derartig packend mit dem Gefühl der Angst und der Abgründigkeit von Sexualität beschäftig hat, wie dieser.

 

13. April 2011

Die Filme des Frühlings

Winter's Bone vs. Sucker Punch

Topmodel-Armada gegen Zombie-Nazis (Quelle: Getwallpaper.com)
Letzte Woche sah ich im Cinestar am Potsdamer Platz zwei amerikanische Filme, denen gemeinsam ist, dass darin eine junge blonde Heldin ums Überleben kämpft. Doch hier enden auch schon die Parallelen, denn beide Produktionen stellen so etwas wie die extremen Pole der amerikanischen Filmindustrie dar. Auf der einen Seite der sensible Independent-Film Winter's Bone, auf der anderen Sucker Punch, ein Special-Effects-Blockbuster .

Sucker Punch wirkt, als hätte Regisseur Zac Snyder die weibliche Variante seines Testosteron-getränkten Erstlings drehen wollen, das Heldenepos 300, der sich mit 'Die Chippendales ziehen in den Krieg' knapp zusammenfassen ließe. Sucker Punch dagegen wirkt wie eine Casting-Show auf Ketamin - plus jede Menge gewalttätiger Videospielszenarien. Fünf junge Damen, die allesamt wie angehende Topmodel-Kandidatinnen aussehen, werden gegen ihren Willen in einer gefängnisartigen Nervenklinik festgehalten. (In der Fantasie der Protagonistin Baby Doll verwandelt sich die Klinik in ein Bordell - ebenfalls eine adäquate Castingshow-Metapher.  Nur wird in diesem Bordell - dem amerikanischen Jugendschutz zuliebe - nur getanzt, aber nie gefickt.) Selbstverständlich kann nur eine der fünf gutgebauten jungen Damen Topmodel werden, äh, den Weg in die Freiheit schaffen. Als Antagonisten stehen den 'Mädchen' die Nervenärztin/Bordellchoreografin Dr. Gorski und der sadistische Anstaltsleiter/Bordellbesitzer Blue Jones gegenüber.

Dr. Gorski-Klum: 'Diese Woche konntest du uns nicht wirklich überzeugen'. (Quelle: Movie God.de)
Gorski wie Jones sind dafür verantwortlich, den Willen der 'Mädchen' zu brechen, sie zu trainieren, abzurichten und zu quälen -  sie machen gewissermaßen also Heidi Klums Job. Zudem müssen die Girls in videospielartigen 'Challenges' beweisen, was in ihnen steckt und kämpfen gegen riesige Samurai-Roboter, wurmzerfressene Nazisoldaten und fauchende Drachen - das Leben eines Topmodels ist nun mal hart. Nacheinander kommen drei der Mädchen dabei um ("heute habe ich leider kein Bild für dich"),  die letzten beiden verbliebenen Kandidatinnen dürfen um den ersten Platz (die Freiheit) ringen. - Okay, die Analogie zu den Topmodel-Shows ist vermutlich nicht bewusst  angelegt. Allerdings macht sie das Anschauen dieses völlig sinn- und seelenlosen visuellen Overkills wesentlich vergnüglicher.

Im Gegensatz zu Sucker's Punch geht es in Winter's Bone um echte Menschen und Gefühle. Der Film zeigt das Milieu der armen Landbevölkerung von Missouri und ist voller Sympathie für das Schicksal seiner einsamen Hauptfigur Ree, die großartig von der Newcomerin Jennifer Lawrence gespielt wird. Ree ist ganz  auf sich allein gestellt mit der Aufgabe, ihre Familie und die jüngeren Geschwister durchzubringen. Sie muss  ihren seit Wochen verschwundenen Vater  vor einem anstehenden Gerichtstermin auftreiben,  sonst wird das Haus der Familie gepfändet.

Eins der herben Gesichter von Winter's Bone  (Quelle: imdb.Com)
Diese schlichte, geradlinige Geschichte nutzt der Film für eine beinahe dokumentarische, liebevoll-detaillierte Skizze seines Hinterwäldler-Milieus. Er zeigt eine trostlose Winterlandschaft und erzählt  authentisch von ihren  heruntergekommenen Bewohnern, die offensichtlich vom American Dream im Stich gelassen wurden. Und dazu gibt es dann auch noch ein paar sehr schöne und sehr traurige Country-Lieder...

19. Februar 2011

The Forgiveness of Blood

Rudina (Sindi Lacej)
And my personal Golden Berlinale Bear goes to: "The Forgiveness of Blood". Vom Regisseur Joshua Marston lief vor einigen Jahren schon der wunderbare "Maria full of Grace" über eine kolumbianische Drogenkurierin auf dem Festival. Diesmal geht es um das Schicksal zweier Teenager in einem albanischen Dorf, die durch eine unheilvolle Familienfehde in eine ausweglose Situation geraten. Nachdem der Vater in einem Streit  einen Nachbarn erschlagen hat und geflohen ist, darf der 18-jährige Sohn Nik das Haus der Familie unter Lebensgefahr nicht mehr verlassen und seine 15jährige Schwester Rudina muss die Schule aufgeben und den Job des Vaters machen - sie verteilt Brote mit einem Pferdekarren. Der Regisseur schafft es durch den teilnahmsvoll-distanzierten Blick der Kamera eine starke Identifikation mit der beklemmenden Situation von Bruder und Schwester  zu erzeugen. Trotz archaischer Bräuche und Armut sind die beiden letztlich ganz normale Teenager mit nachvollziehbaren Sehnsüchten und Träumen: Nik möchte viel lieber eine hübsche Klassenkameradin erobern und ein Internetcafé eröffnen, als die Familienehre zu verteidigen. Er schafft es schließlich, sich mit Hilfe der Schwester  gegen den übermächtigen Vater aufzulehnen - doch damit ist das Dilemma  noch nicht gelöst - und er muss eine schwere Entscheidung treffen. Obwohl Nik die Hauptfigur des Films zu sein scheint, gönnt der Regisseur Rudina die letzte Einstellung des Films: Unter dem Druck der Ereignisse hat sie einen unglaublichen Überlebenswillen entwickelt und ist innerhalb der Familienstruktur zur stärksten Figur gereift. Marston hat für die beiden Hauptrollen zwei wunderbare Laiendarsteller entdeckt, die den Film durch ihre Präsenz und Ausstrahlung zu einem intensiven Erlebnis machen. Auch für alle geeignet, die glauben, sich nicht für albanische Familienfehden zu interessieren.

18. Februar 2011

best of berlinale 2011: stadt land fluss

Kai-Michael Müller und Lukas Steltner in Stadt Land Fluss (Quelle: Salzgber.de)
STADT LAND FLUSS
Von Benjamin Cantu

Nach vielen mittelmäßigen bis netten Filmen auf dem Festival ein Lichtblick: Cantus schlichte Geschichte über einen Azubi in einem landwirtschaftlichen Betrieb in Brandenburg, der sich in seinen neuen Kollegen verliebt, entpuppt sich (ausgerechnet in der Jugendsektion Generation 14+) als Entdeckung: Ein sensibler Film mit wunderbaren Bildern und großartigen (Laien-)Darstellern, eine Mischung aus Doku und Spielfilm. Die beiden Hauptfiguren werden von Schauspielern dargestellt, doch die Situationen auf dem Hof, die Kollegen und Ausbilder sind echt - und häufig sehr lustig. Gäbe es bei der Berlinale einen Preis für die beste Nebenrolle, der Goldene Bär ginge an Frau Butsch (!), die Ausbilderin, die sich ihren Azubis mit trockenem Humor, Herz und Verständnis annimmt. Ansonsten erzählt der Film wieder einmal eine Coming Out-Geschichte, aber er tut das so sensibel, aufrichtig und spannend, dass einem das Sujet wie neu vorkommt. Die heftigen Abwehr-Reaktionen der im Publikum anwesenden Jugendlichen beweisen, dass solche Filme  immer noch notwendig sind: Eigentlich sollte man ja davon ausgehen, dass die Berliner Großstadtjugend durch Internetporno, CSDs und schwule Bürgermeister einiges gewohnt ist, doch was sich da angesichts einer harmlosen Kuss-Szene zwischen Jungs an Verklemmtheit und Homophobie breit machte, war erschreckend...Nicht nur deswegen hat Stadt Land Fluss zumindest den Teddy für den besten Film verdient: Dem Regisseur Benjamin Cantu ist mit seinem ersten Langfilm ästhetisch und inhaltlich ein großer Wurf gelungen und von den beiden fantastischen Hauptdarstellern Kai-Michael Müller und Lukas Steltner wird man hoffentlich bald mehr sehen.

Ansonsten noch empfehlenswert: The Future von Mirandy July im Wettbewerb, ein merkwürdiger Beziehungs-Film wie aus einer entrückten anderen Welt, und mit Einschränkungen Ausente, ein argentinischer Forums-Beitrag über einen Schüler, der versucht seinen Schwimmlehrer zu verführen.

14. Januar 2011

Mein Film des (letzten) Jahres: Drei

Auch wenn ich nie ein großer Tom-Tykwer-Fan war, ist  Drei für mich vielleicht der beste Film des Jahres 2010. Tykwers frühere deutsche Arbeiten wirkten oft wie ambitionierte Versuche eines Filmstudenten, den Mangel an Inhalt und schlüssiger Dramaturgie mit einem Übermaß an Tempo und Stil wettzumachen. Und seine letzten beiden Hollywood-Ausflüge  Das Parfüm und The International gingen ziemlich daneben. Doch wenn man  Drei  nun ansieht, hat man den Eindruck, der Regisseur sei endlich bei sich selbst angekommen: ein selbstsicherer, in sich ruhender, kluger Film - immer hellwach, verspielt und vom Leben begeistert.

Es gibt momentan keinen anderen deutschen Regisseur, der es schaffen würde, ein derart hohes Budget für eine auf dem Papier eher kammerspielartige Außenseitergeschichte zusammen zu bringen. Sein Geld sieht man dem Film in jeder Minute an, dennoch wirkt er niemals unangenehm protzig -  im Gegenteil. Gerade das Missverhältnis zwischen kleiner Geschichte und aufwendiger Umsetzung lässt Drei verschwenderisch charmant wirken. Im verschmuddelten Berlin der Gegenwart beschwört Tykwer überlebensgroße Hollywoodbilder herauf: Perfekt ausgeleuchtet und opulent, wie man es im aktuellen deutschen Kino ganz selten sieht. Vom verheißungsvoll leuchtenden Badeschiff im Winter bis zur historischen Pracht des Martin-Gropius-Baus. Doch immer wieder besinnt sich diese konsequente Überstilisierung aufs Alleralltäglichste: Wenn Sophie Rois  eine Gilbert und George-Postkarte von der schmuddligen Küchenwand löst, um die sich in zwanzig Jahren Beziehungs-WG ein hässlicher Fettrand gebildet hat: "Iiiih - wir müssen renovieren!".

Und dann die drei Hauptdarsteller des Films, die weder Traumkörper noch standardmäßig 'schöne' Filmgesichter haben (man stelle sich das Ganze mal als Hollywood-Remake vor, mit, sagen wir, Brad Pitt, Matt Damon und Gwyneth Paltrow): Rois, Striesow und Schipper wirken wie Berliner Freaks von nebenan, und die Kamera lässt sie auf eine sehr eigene, unspektakuläre Art glamourös wirken.

Die im ernsthaften deutschen Beziehungs-Kino allgemein vorherrschende Kargheit ersetzt Tykwer durch eine ungenierte Ästhetik des Zuviel: der Film ist hemmungslos mit Themen, Geschichten und Spielereien überladen. So finden sowohl der Krebstod von Simons Mutter als auch die verschiedenen Hobbies des Stammzellenforschers (!) Adam wie Chorsingen, Segeln und Fußball Platz.

Auch thematisch ist Tykwer mit Drei ein großes Wagnis eingegangen. Es wirkt heutzutage schon beinahe verwegen,  im Kino noch von Sexualität und Leidenschaft erzählen zu wollen - in einer Zeit, in der Sex mittlerweile fast völlig von der großen Leinwand  verbannt ist zugunsten von  Internetpornos,  Hiphop-Videos und Dating-Shows. Eine Zeit, in der schwule Figuren - wie seit eh und je im Mainstream - vor allem als asexuelle Pausenclowns vorkommen und in der jedes Beziehungskonzept jenseits der monogamen Zweierkiste argwöhnisch bekrittelt und verworfen wird.

Das große Wunder von Drei ist, dass Tykwer sich bei der Dreiecksgeschichte konsequent gegen das große Drama entschieden hat - die altbekannten, verzweifelten Eifersuchtsszenen bleiben einfach aus: keine Vorwürfe, keine Tränenausbrüche,  keine Wutanfälle - stattdessen konzentriert sich Tykwer auf die schönen, feinen, anrührenden und poetischen  Momente - und so erfahren wir in Drei etwas  über die Zartheit von anonymen Sex und das utopische Potential einer nicht ausschließlichen Liebe.

Drei ist also genau das, was der desillusionierte Kinogänger in dieser durchkommerzialisierten Zeit  bitter nötig hat. Im Vergleich mit der durchaus sehenswerten amerikanischen Lesbenfamilien-Komödie The Kids are All Right wird deutlich, wie sehr Tykwer auch mit dem Ende von Drei über das hinausgeht, was im amerikanischen Kino schon als gewagt gilt. Während am Ende des Kids-Films der sympathische Möchtegern-Daddy Mark Ruffalo wie ein Fremdkörper verstoßen wird, um die Familienstruktur zu bewahren, erschafft Tykwer am Ende von Drei ein betörend schönes Schlussbild, das die Frage aufwirft, was sonst noch alles möglich wäre.

Ach ja -   Drei hat übrigens auch noch einen der besten Vorspänne der Filmgeschichte!

30. November 2010

Life during Wartime von Todd Solondz

"Are u still wet, mom?"
"No, I wiped it off with a paper towel."
Todd Solondz' großartige Fortsetzung seines Films Happiness von 1998 hat leider keinen deutschen Verleih und wurde in Berlin letzte Woche zum ersten Mal im Rahmen des Filmfestivals Around the World in 14 Films gezeigt. Offenbar wurde dem Film trotz des Erfolgs seines Vorgängers der bitterböse, schwarzhumorige Umgang mit unbequemen Themen  zum Verhängnis - der offenbar noch weniger in die heutige Zeit der einfachen Wahrheiten und Schwarz/Weiß-Malerei zu passen scheint: die Themen sind Pädophilie (in Zusammenhang mit einer kritischen Auseinandersetzung um Kinder- und Erwachsenensexualität), Selbstmord und Zynismus - die Bösartigkeiten und  Lebenslügen einer sich im Krieg befindendenen Nation.

Life during Wartime ist ein intensiver, ergreifender und zugleich extrem komischer Film - mit brillanten Dialogen und fantastischen Schauspielern.  Es geht um die gleichen Charaktere wie in Happiness 10 Jahre später, alle werden jedoch von anderen  Schauspielern gespielt - was erstaunlicherweise  wunderbar funktioniert. Die Jordan-Schwestern sind mittlerweile über 40 - und das Leben ist nicht gerade milde mit ihnen umgesprungen. Die zarte, naive Joy muss sich noch immer mit alptraumhaften Beziehungsproblemen herumschlagen, die vor Zynismus strotzende Schriftstellerin Helen hat mittlerweile Karriere in Hollywood gemacht und fickt mit einem gewissen 'Keanu', die nur scheinbar robuste Hausfrau Trish knüpft gerade wieder erste zarte Liebesbande, während ihr wegen Kindesmissbrauch verurteilter Ex-Mann Bill aus dem Gefängnis entlassen wird und wieder Kontakt zu seinem ältesten Sohn aufnimmt. Doch der eigentliche Star des Films ist Trishs und Bills pubertierender jüngster Sohn Timmy, der auch das Filmplakat ziert.

Zur Zeit gibt es keinen Filmemacher, der sich so radikal und unbequem mit der Sexualität von frustrierten Erwachsenenen und den Problemen altkluger Kindern auseinandersetzt wie Solondz, der bei aller Lust an Provokation und Geschmacklosigkeiten auch vor großen philosophischen Fragen nicht zurückschreckt: Was bedeutet es, zu vergeben und zu vergessen? Die Kinder bzw. Teenager in Solondz Filmen beschäftigen sich auf das Ernsthafteste mit solchen Problemen. Von Welcome to the Dollhouse bis Life during Wartime sind sie alle Reinkarnationen des gleichen Typs: sommersprossige, bebrillte Nerds, nicht sonderlich hübsch aber erschreckend altklug, frühreif und unkindlich. Und dennoch auf eine sehr spezielle Weise unschuldig, wahrheitsliebend und konsequent. Offenbar sind sie Reinkarnationen von Solondz selbst, der mit einer ganz ähnlichen Mischung aus Bösartigkeit, Mitgefühl und unschuldiger Neugier an seine Film-Figuren herangeht. Unbedingt empfehlenswert!

16. November 2010

Desinteressierte Arroganz

Dass Somewhere den Goldenen Löwen in Venedig gewonnen hat, erscheint mir unbegreiflich, ein Film ohne jede Substanz und Haltung, stattdessen eine quälend langweilige Studie über einen ebenso gelangweilten Hollywoodschauspieler, in dessen Leben wenig passiert, außer dass ihm ein paar identisch aussehende Frauen diverse Sexangebote machen und er Zeit mit seiner 11-jährigen Tochter totschlägt.

Coppolas Film ist in seiner existenziellen Schlaffheit und stylischen Desinteressiertheit vielleicht vergleichbar mit der großen literarischen Enttäuschung des Jahres, Brett Easton Ellis' neuer Roman"Imperial Bedrooms". Wo Ellis sich seitenlang in endlos-detaillierten Beschreibungen der Fahrtrouten seines Protagonisten durch Los Angeles ergeht, lässt Coppola ihre Hauptfigur in öden Einstellungen in seinem Ferrari durch die blassgraue Stadt kurven.

7. August 2010

Precious - Moon - Unmade Beds - Toy Story 3 - Please Give

Auf vielfachen Wunsch - und weil ich eine Filmkritik pro Woche momentan nicht schaffe, hier meine bisherigen Highlights des Kinosommers 2010:

Precious ist zwar nicht mehr ganz neu, aber ein extrem schöner Film über ein extrem hässliches Thema. Precious ist der Prototyp einer Verliererin, eine dicke schwarze Schülerin, die von der Sozilahilfe lebt, von ihrem Vater vergewaltigt und geschwängert und von ihrer Mutter emotional und körperlich misshandelt wird. Durch die Hilfe einer schönen guten Fee - ähm, ihrer lesbischen Lehrerin - findet sie einen Ausweg aus dem Elend. Diese Inhaltsangabe lässt Schlimmes ahnen, doch der Film vermeidet alle Fehler des Betroffenheitskinos und berührt durch wunderschöne poetische Bilder, beeindruckende Schauspielerinnen und einen fantastischen Soundtrack. Unbedingt angucken! Nicht zuletzt auch wegen Mariah Carey - die hier - ungeschminkt und mit angedeutetem Damenbart - überraschend eindrucksvoll und uneitel spielt. Und Precious fragt sie ganz unverblümt das, was alle schon immer wissen wollten: "So what race are you?"

Moon ist ein sehenswerter Film über die Erlebnisse eines einsamen Astronauten auf einer Raumstation auf dem Mond. Der Film besticht durch tolles Retro-SciFi-Design a la 2001, das hier aber überraschenderweise ziemlich schmuddelig und angegammelt daherkommt. Auf digitale Effekte wird verzichtet,  Raumstation und Mondfahrzeuge sind liebevoll gebastelte Modelle. Und die melancholische Klaviermusik erzeugt eine ganz eigenartige Stimmung zwischen Sehnsucht, Nostalgie und Einsamkeit.

30. April 2010

Die Rache der Stöckelschuhfetischistin


CHLOE
von Atom Egoyan




Wäre da nicht diese wunderschöne, an Hitchcock-Thriller erinnernde Filmmusik von Mychael Danna, der auch für die meisten anderen Egoyan Filme großartige Soundtracks komponierte – Chloe wäre vermutlich sterbenslangweilig. Doch so lullen einen die hypnotischen Streicher anderthalb Stunden angenehm ein und man vergisst dabei beinahe sogar die Vorhersehbarkeit der platten Geschichte. Aber nur beinahe! Im Gegensatz zu Egoyans eigenen, genial verschachtelten Drehbüchern, handelt es sich bei Chloe  um das Remakes eines mittelmäßigen französischen Films und ist wohl vor allem als Vehikel für seine Stars gedacht: Julianne Moore als eifersüchtige Ehefrau, Amanda Seyfried als verführerische Prostituierte und Liam Neeson als scheinbar untreuer aber recht blasser 
Ehemann. Je mehr Moores Charakter im Dialog die unwiderstehliche Alters-Attraktivität des Ehegatten beschwören muss, um so größer die Peinlichkeit.

16. Februar 2010

Ungelenker Sex

GREENBERG
von Noah Baumbach
mit Ben Stiller, Greta Gerwig, Rhys Ifans

Im amerikanischen Wettbewerbsbeitrag Greenberg des Regisseurs Noah Baumbach (grandios sein Erstling: The Sqid and the Whale), gab es zwei Sexszenen, bei denen nicht sofort nach dem ersten Kuss abgeblendet wird. Das erste Date zwischen Ben Stiller und der tollen Neuentdeckung Greta Gerwig verläuft derart realistisch ungelenk und linkisch übersprunghaft, dass man es kaum aushält. Zudem entscheiden die beiden sich offenbar nur deshalb für Sex, weil sie schon ahnen, dass man sich bei dem ursprünglich geplanten Dinner nichts zu sagen hätte.

12. Februar 2010

Wie eine Stimme einen Film rettet

HOWL von Rob Epstein, Jeffrey Friedman mit James Franco, Mary-Louise Parker  

Howl, der Film über Alan Ginsberg und sein berühmtes Gedicht gleichen Namens war mein erstes Must-see. Der Schocker schon einmal vorneweg: Der Film bebildert das ergreifende Gedicht, das Ginsberg Mitte der 50er Jahre schrieb und zum Schlüsselwerk der Beat Generation wurde, mit kitschigen, in Thailand gefertigten Animationssequenzen, die jede poetische Fantasie zerstören. Dazwischen Szenen, die den Gerichtsprozess zeigen, bei dem Howl wegen Obszönität verboten werden sollte: didaktisch wie ein Literatur-Proseminar. Und bei den Sequenzen, in denen James Franco als Ginsberg von der Entstehung von Howl erzählt, handelt es sich um nachinszeniertes Interviewmaterial. Das heißt, in das Skript von Howl ging nicht eine einzige neue Idee oder Interpretation ein - die Filmemacher haben sich offenbar nicht getraut, Ginsbergs Werk ihre eigene Fiktion hinzuzufügen. Warum dann nicht gleich eine Doku? Dennoch hat es der Film geschafft, mich zu berühren - mehr sogar, als viele andere, und das liegt an James Francos Stimme.

2. Februar 2010

Same Same But Different

von Detlef Buck
Drehbuch Ruth Thoma


Ein junger Deutscher, der sich auf einer Reise nach Kambodscha in eine wunderschöne, bitterarme Prostituierte verliebt und auch dann noch zu ihr hält, als er in Deutschland von ihrer HIV-Erkrankung erfährt. Die auf dem Tatsachenroman von Benjamin Prüfer beruhende Geschichte erscheint wie die perfekte Vorlage für ein Herz-Schmerz-Melodram der übelsten Sorte. Eigentlich stellt man sich so etwas eher am Freitagabend in der ARD vor, aber erstaunlicherweise hat ausgerechnet der eher für seinen trockenen Humor als für schwülstige Love Stories bekannte Detlef Buck den Film gedreht. Und zumindest die Bilder sind ihm, vor allem in Kambodscha, so erlesen schön geraten, dass man sich ihrem Zauber kaum entziehen kann. Doch ist der Film erst einmal an seinem voraussehbaren Happy End angelangt (es sei hiermit verraten!), wundert man sich dann doch darüber, dass das Drama fast völlig ausgeblieben ist. Gab es überhaupt einen nennenswerten Konflikt? Und hat irgendein Zuschauer ernsthaft geglaubt, der jugendliche Held würde seine schöne, eher dezent an Aids erkrankte Freundin (ein schwacher Husten und eine nicht im Bild gezeigte Gürtelrose)  wirklich im Stich lassen? Oder argumentiere ich hier zu sehr aus schwuler Sicht, da sich doch zumindest die Schwulen über die letzten 25 Jahre an die Problematik der Beziehungen zwischen Infizierten und Nicht-Infizierten gewöhnen mussten. Ist das Thema für Heteros tatsächlich noch ein Schocker?